Der Regenbogenfalter

Folge 35, "Der Regenbogenfalter"

Die Geschichte beginnt in Ricks Zimmer. Alex liest in einer Tageszeitung, Mike in einem Buch. Rick ist im Hintergrund zu sehen, wie er an seinem Schreibtisch murmelnd in einem Stoß Papier herumblättert und die anderen nicht beachtet.

Alex: [verärgert] "Nun sieh sich einer diesen Artikel auf der Titelseite an. Unglaublich..."

Sie hält Mike die Zeitung hin.

Mike: [liest] "Konservative Parteien auf dem Vormarsch?"

Alex: "Ich meinte eigentlich diesen Artikel her..."

Sie deutet auf einen Artikel mit der Überschrift:

Kochtöpfe und Kristallkugeln - die geheimen Talente der Frauen

Wir sehen einen umfangreichen Artikel auf der Titelseite, der mit dem Bild eines stilisierten, bunten Schmetterlings illustriert ist.

Alex: "Der männliche Autor behauptet doch ernsthaft im 21.Jahrhundert, daß Frauen vom Geschlecht her prädestiniert für übernatürliche Kräfte sind und gibt Anleitungen, wie man mystisches Potential entfaltet..."

Mike: "Und? In den schönen Geschichten ist das auch oft so..."

Er deutet auf das Buch, das er gerade liest. Es ist ein Märchenbuch, wir sehen eine Fee auf dem Cover.

Mike: "Was stört dich daran?"

Alex: "Simone de Beauvoir hat gesagt, daß der traditionelle Glaube an übernatürliche Kräfte bei Frauen auch eine Form von Rollenprägung und Sexismus ist."

Rick: [zu sich selbst] "Dämlicher Beschiss..."

Alex dreht sich zu Rick um. Dieser wühlt immer noch in einem Stoß Blätter.

Alex: [fragend] "Und deine Meinung ist...?"

Rick: [blickt verdutzt auf] "Simone de Beauvoir schreibt schlechte Sitcoms fürs Privatfernsehen."

Alex: "Hast du uns überhaupt zugehört?"

Rick: "Ganz offensichtlich nicht..."

Alex: "Was machst du da?"

Rick: [ärgerlich] "Man hat mich beschissen. Im Rathaus will man mir keine Bestätigung über meinen Ferienjob dort schreiben."

Alex: "Und? Wundert dich das? Nachdem, was letzten Samstag beim Sozialforum in der Stadthalle passiert ist..."

Rückblende (Einblendung: "Letzter Samstag"). Wir sehen eine Szene aus der Stadthalle. Dort findet gerade ein Kongress zum Thema soziale Gerechtigkeit statt. Wir sehen zahlreiche langhaarige Gäste im Publikum, darunter viele Althippies und Spät-68er. Banner und Schilder zeigen Botschaften wie "Soziale Gerechtigkeit", "Mehr Bildung" und "Nieder mit Harts 4".

An der Rückwand der Halle hängt ein großes Werbebanner mit der Aufschrift

Völker, hört die Signale - von Radio Hitantenne Bruchbach FM

Wir sehen den Bürgermeister an einem Rednerpult.

Bürgermeister: [ärgerlich, Hand auf Mikro] "Hoffentlich zahlen diese anachronistischen Ökofreaks ordentlich Saalmiete..."

Er winkt dann lächelnd in die Menge und fängt seine Rede an.

Bürgermeister: [liest von Blatt ab] "Willkommen in unserer schönen Stadt - ihr zottigen Revoluzzer..."

Wir sehen eine Ansicht der Menge. Eisiges Schweigen.

Bürgermeister: [schwitzt, liest weiter] "Ich meine...lasst uns alle aufrecht und im Gleichschritt zum Friseur marschieren..."

Wir sehen eine Ansicht der Menge. Weiterhin eisiges Schweigen.

Bürgermeister: [schwitzt, liest weiter] "Will sagen...lasst uns diesen Kongress zu einem Fest der Völker machen, einem Fest der Schönheit, einem Sieg des Glaubens, ja - geradezu zu einem Triumph des Willens..."

Wir sehen eine Ansicht der Menge. Erste Buh-Rufe sind zu hören.

Bürgermeister. [sauer zu Assistent] "Das ist nicht mein Redetext. Wer hat diesen Mist hier getippt?"

Wir sehen Alex mit verschränkten Armen stehend unter den Zuschauern.

Alex: "Tja, da geht dein Ferienjob im Büro des Bürgermeisters dahin..."

Rick. [off-screen] "Man muß geschäftlich immer vorwärts blicken..."

Wir sehen Rick, der mit einem Bauchladen überteuertes faules Obst und Eier an die aufgebrachten Anwesenden verkauft. Im Hintergrund fliegt bereits Obst durch die Luft in Richtung Rednertribüne.

Blende zurück in Ricks Zimmer.

Rick: "Mag sein, daß meine berufliche Karriere dort etwas abrupt geendet hat. Aber es geht um das Prinzip."

Er hält die Blätter hoch.

Rick: "Ich will diese Bestätigung für meine zukünftige Karriere. Und ich werde sie bekommen..."

Alex wendet sich desinteressiert von Rick ab und wieder dem Artikel zu.

Alex: [verärgert] "Dieser Artikel hier ist auf jeden Fall ein Paradebeispiel für massenhaft verordnete Irrationalität..."

Rick: [fragend] "Also sowas wie organisierte Religion?"

Alex: [nickt] "Ja. Aber mit bunten Titelseiten..."

Rick nimmt seinen Stoß Blätter und geht zur Tür raus. Alex will die Zeitung in den Mülleimer werfen.

Mike: "Ich glaube nicht, daß Magie und Wunder jemals purer Kommerz sein können..."

Alex: [skeptisch] "Hast du jemals den Merchandise-Katalog zu einem Harry-Potter-Roman gesehen?"

Mike wirkt plötzlich unsicher - er blickt abwechselnd auf Alex, auf den Artikel und auf das Märchenbuch. Nach kurzem Überlegen scheint sich seine Meinung aber wieder zu festigen.

Mike: [lächelnd] "Ich glaube trotzdem daran..."

Alex sieht ein, daß sie mit Argumenten hier keinen Erfolg hat - oder haben sollte. Sie sieht sich den Artikel nochmal an.

Alex: [liest] "Jeden Morgen...Übung hier...Übung da...meditatives Dings dort...kurzes Gespräch mit Buddha...ca. 2 1/2 Mandalas malen....optional wöchentlich von der Erdmutter geweihte 20 Euro an den Autor des Artikels überweisen..." [Pause] "Das klingt simpel und soll bei Frauen angeblich sofort zu Erfolg, Glück und magischen Resultaten führen..."

Alex denkt kurz nach.

Alex: "Sag dir was - ich werde diese 7 komischen Tralala-Übungen jetzt täglich machen - und wenn bis zum Ende der Woche nichts Ungewöhnliches passiert ist, dann wirst du deine Naivität freiwillig einschränken..."

Sie geben sich zur Abmachung die Hand.

Alex: [zu sich selbst] "Du wirst schon sehen..."

Mike: [zu sich selbst] "Du wirst schon sehen..."

Ominöse Musik spielt. Die Szene blendet aus.


Die Szene wechselt zum Rathaus. Rick ist auf dem Weg zum Infoschalter, um sich dort endlich seine Bestätigung zu holen.

Der Bürgermeister kommt zu einer Tür heraus. Er hält einen schweren Aktenordner in der Hand.

Rick: [freundlich] "Hallo, Bürgermeister..."

Die Szene wechselt zu Rick, nun mit einer dicken Beule am Kopf. Er hält sich einen Eisbeutel hin und steht am Info-Schalter. Der Mann hinter dem Schalter schüttelt den Kopf.

Rick: "Und warum kann ich von ihnen keine Bestätigung über meine 3 Tage Ferienjob bekommen?"

Mann: "Wegen unseres aktuellen Slogans - neue Technologien bedeuten neue Chancen für Deutschland..."

Er nimmt seinen Hut und Mantel.

Mann: "Ich jedenfalls bin entlassen. Weitere Bürgeranfragen bitte an den Kollegen dahinten..."

Er deutet beim Gehen auf einen Computer in der Ecke.

Wir sehen einen Computer im Stil eines alten IBM-Towers aus den 80ern mit klobigem Grünmonitor. Neben dem Monitor sehen wir einen schwarzen Kasten mit rotem Auge in bestem HAL-Stil.

Rick: "Cool..."

Er drückt eine Taste auf der Tastatur. Der Computer beginnt zu sprechen.

Computer: "Hallo Bürger. Ich bin das Multimediale Interaktive Stadt Terminal, kurz M.I.S.T. Wie ist ihr Name?"

Rick: "Ähhhh..."

Computer: [wiederholt] "Wie ist ihr Name?"

Rick: [fragend] "James Bond?"

Computer: "Hallo James. Möchtest du ein Spiel spielen?"

Rick: "Jederzeit. Aber zuerst brauche ich eine Bestätigung über meinen Ferienjob..."

Wir sehen Rick nun aus einer Computerperspektive Marke 2001 (rot, kreisförmig).

Computer: "Es tut mir leid, James. Aber das kann ich nicht tun..."

Ansicht zurück zur Normalansicht.

Rick: "Warum?"

Computer: "Bürgerauskünfte nur Mittwoch und Freitag. Um dies zu ändern, bestellen sie bitte die Vollversion 1.0."

Auf dem Bildschirm leuchtet grün "REGISTER ME" auf.

Rick: "Na schön" [finster] "Aber ich komme wieder..."

Er geht. Die Szene blendet aus.


Wir sehen am nächsten Morgen, wie Alex nach kurzer Lektüre des Artikels tatsächlich wie versprochen die Übungen macht, um die versprochenen "magischen" Kräfte freizusetzen - bzw. Mike das Gegenteil zu beweisen.

Sie steht im Bad mit geschlossenen Augen auf einem Bein, hält einen Finger an die Nase, einen anderen an die Stirn. Nach kurzer Zeit verliert sie das Gleichgewicht und kippt unelegant nach hinten um ("Aua").

Alex: "Zum Glück sieht mich niemand..."

Sie rezitiert irgendwelche unverständlichen buddhistischen Verse - desinteressiert beim Zähneputzen.

Sie kritzelt hastig beim Tee trinken mit einer Hand auf einem Blatt herum.

Alex: "So. Das schnelle Gekritzel sollte ausreichen..."

Die Kamera zeigt uns, daß sie nebenher ein extrem komplexes Mandala gemalt hat.

Sie öffnet ihre Post. Auf einem Brief steht:

ERFOLG!!!        GLÜCK!!!         GEWINN!!!

Sie haben *garantiert* 1.000 in bar gewonnen.

Alex schüttelt etwas irritiert den Kopf, wirft den Brief aber nicht in den Mülleimer, sondern legt ihn beiseite.


Die Szene wechselt zu Alex und Mike, die im Einkaufszentrum auf einer Bank sitzen.

Eine Blondine im Minikleid geht vorbei und verliert ihren Einkauf. 5 Männer laufen sofort herbei und helfen ihr, diesen aufzuheben. Dann halten ihr 2 davon die Tür zum nächsten Laden auf. Mike zieht eigene Schlussfolgerungen.

Mike: "Warum sind Männer zu Frauen immer freundlich? Warum halten sie ihnen die Tür auf? Das hat doch bestimmt mit den geheimen mystischen Kräften zu tun..."

Alex: "Ja. Ganz bestimmt..." [verdreht Augen]

Sie steht auf und geht in Richtung Tür eines anderen Ladens.

Alex: "Mir hat noch niemand die Tür aufgehalten. Und ich beweise es dir..."

Sie geht einen Schritt auf die Tür zu. Plötzlich läuft ein Angestellter des Ladens herbei und hält ihr die Tür breit auf.

Alex: [erstaunt] "Okay. Das ist ungewöhnlich. Danke..."

Mike lächelt überzeugt, sie gehen beide durch die Tür in den Laden.

Ein Mann mit Werkzeugkasten kommt ins Bild.

Angesteller: "Beeil dich mit dem neuen Scharnier. Ich will nicht für jeden Kunden die kaputte Tür festhalten..."

Mann mit Werkzeug: "Schnauze..."


Die Szene wechselt zu Rick, der am nächsten Tag wieder zurück beim Bürger-Computer im Rathaus ist.

Computer: "Es tut mir leid, James. Aber das kann ich nicht tun..."

Rick: [genervt] "Warum heute nicht?"

Computer: "Es ist mir zu einfach..." [lamentiert] "Sieh mich an. Ein Gehirn von der Größe eines Kleinstadtarchivs..."

Rick: "Okay. Was könntest du tun?"

Computer: "Ich könnte dir eine multimediale Liste der hippsten Bars der Stadt kostenpflichtig auf dein UMTS-Handy senden."

Rick: [nickt] "Naja. Es ist ein Anfang..."


Die Szene wechselt zu Alex, die im Rathaus vor einem Büro auf der Wartebank sitzt. Sie blickt gelangweilt zur Seite, wo gerade eine ältere Putzfrau im Blümchenkleid mit einem Eimer die Treppe hinaufgeht und durch eine Tür verschwindet.

Nur wenige Sekunden vergehen, als plötzlich wieder die gleiche Putzfrau im Blümchenkleid die Treppen hinaufkommt und durch die gleiche Tür verschwindet. Alex bemerkt dies mit Erstaunen, reibt sich die Augen und schüttelt dann irritiert den Kopf.

In der nächsten Szene (es ist etwas später) sehen wir Alex, die einen Gang im Rathaus entlanggeht. Sie kommt am Infoschalter vorbei. Dort sitzt Rick ungekämmt und ziemlich fertig vor dem Computer. Auf dem Tisch stapeln sich Dosen, Burgerschachteln und offenbar Reste seines Frühstücks. Außerdem liegt Werkzeug herum, Rick hantiert an der Tastatur.

Rick: "Oh. Hallo. Was machst du hier?"

Alex: "Das Übliche. Ich hab gehört, das Bauamt will dem Umweltschutzamt zuvorkommen und das Schmetterlingsbiotop am Waldrand zum Parkplatz umplanieren, bevor ein Widerspruch eingeht." [Pause] "Ich habe den Protest angekündigt..."

Sie deutet auf den Bürger-Computer.

Alex: "Was macht dein Problem?"

Rick: "Ich habe mir das allgemeine Handbuch zur Software besorgt..."

Er hält ein dünnes Faltblättchen hoch. Wir lesen die Aufschrift:

Was Kunden über M.I.S.T. wissen sollten

Rick: "Ich habe mir sogar das kostenpflichtige Handbuch zur Software besorgt..."

Er knallt einen dicken Wälzer auf den Tisch. Wir lesen die Aufschrift:

Was wichtige Kunden über M.I.S.T. wissen sollten

Rick: "Resultat..." [deutet]

Er deutet auf den Rechner. Auf dem grünen Bildschirm läuft Pac-Man.

Computer: "Ein seltsames Spiel. Die einzige Möglichkeit zu gewinnen, ist, sich einen Farbmonitor zu kaufen..."

Rick: "Was macht deine Hokuspokus-Wette mit Mikey?"

Alex: [nervös] "Läuft bestens. Alles normal..." [Pause] "Obwohl - einige seltsame Sachen sind mir schon passiert..."

Sie kratzt sich nachdenklich am Kinn.

Alex: "Zuerst dieser Gewinn, dann die Sache mit der Ladentür - und gerade eben hatte ich ein seltsames Dejavu." [Pause] "Ich habe doch tatsächlich zweimal die gleiche Putzfrau die Treppe hinaufkommen sehen..."

Sie lacht nervös.

Rick: "Ich sehe, diese Sache beunruhigt dich..." [tröstend] "Glaub mir...wenn ich hier nicht so beschäftigt wäre, dann würde ich sofort die allgemeine Hexenverbrennung fordern..."

Alex: "Danke..."

Rick: [fragend] "Hey. Deine mystischen Kräfte sind nicht zufällig IBM-kompatibel..."

Er blickt sich um und bemerkt, das Alex bereits verschwunden ist. Der Gang ist leer. Ominöse Musik spielt.

Rick: "Ist ja wie im tschechischen Märchenfilm. Demnächst sprechen wir noch mit Knetmasse..."

Er deutet auf einen Haufen oranger Knetmasse auf dem Tisch. Wir sehen die Knetmasse plötzlich mit Gesicht.

Knetmasse: "Hallo Rick. Der BND belauscht dich durch deine Zahnplomben..."

Rick: [mit Augenringen, zu Zuschauer] "Ich sollte dringend mal an die frische Luft."

Er wendet sich wieder dem Computer zu.

Rick: [drohend] "Aber zuerst..."


Die Szene wechselt zu Alex nachmittags an besagtem Schmetterlingsbiotop. Sie steht allein mit ihrem Protestschild in der Wiese. Mike kommt hinzu und sieht sich erstaunt um.

Mike: "Wo sind die anderen Demonstranten?"

Alex: [sauer] "Drüben am Streichelzoo ist eine Spendensammelaktion mit Musik und Presse. Sie sammeln für einen neuen bunten Fressnapf für die niedlichen Wuschelhäschen..."

Sie deutet herum. Wir sehen, daß das Biotop ein unattraktives, sumpfiges Loch mit Blumen, Fröschen und Schmetterlingen ist.

Alex: "Damit kann dieses Refugium mit seinen 376 bedrohten Arten nicht mithalten..."

Mike: [freudig] "Hast du Häschen gesagt?"

Er will wieder gehen, besinnt sich dann aber doch eines besseren.

Mike: "Und jetzt willst du die Bagger allein aufhalten?"

Alex: "Was bleibt mir übrig?"

Wir sehen, daß sie mit Kreide bereits ihre Umrisse in den Schlamm gezeichnet hat, um die beste Liegeposition zu finden.

Mike: "Benutz doch die inneren mystischen Kräfte..."

Alex: [winkt ab] "Mikey. Bitte. Hier geht es um ernsthafte Dinge..."

Mike sieht sie dennoch mit überzeugtem Gesicht an. In diesem Moment kommen Lastwagen und Planierraupen um die Ecke. Arbeiter mit Hacken und Schaufeln springen von den Lastwagen. Frösche fliehen.

Alex sieht abwechselnd auf den Sumpf, die Bagger, Mike und die Kreidezeichnung am Boden - und entscheidet sich.

Alex: [achselzuckend] "Meine Chancen sind ohnehin gleich Null - also wo ist der Unterschied..."

Sie hebt einen trockenen Stock vom Boden auf, stellt sich mit dem Stock hin, schließt die Augen und streckt eine Hand aus. Die Raupen kommen dröhnend näher. Lautes Hupen ist zu hören.

Alex: [laut] "Du kannst nicht vorbei..."

Für einen Moment sehen wir ihr Bild im Gegenlicht. In der Szene hinter Alex mit dem Stock zeichnet sich in der Luft wie eine Art Regenbogeneffekt im Nebeldunst der Umriss eines überdimensionalen bunten Schmetterlings ab. Fantasy-Musik spielt.

Die Planierraupe bleibt abrupt wenige Zentimeter vor Alex stehen. Sie öffnet erstaunt die Augen. Alle Planierraupen und Bagger setzen plötzlich zurück auf die Straße. Ein Arbeiter pflanzt einen ausgerissenen Busch vorsichtig wieder ein.

Alex: "Was zum...?"

Mike: [jubelnd] "Du hast es geschafft..."

Alex: [skeptisch] "Moment..."

Sie wirft den Stock weg und geht zum Vorarbeiter, der mit einem anderen Arbeiter über einem Blatt Papier diskutiert.

Alex: "Was soll das?"

Arbeiter: "Gerade kam ein Fax vom Bauamt. Sieht so aus, als hätten wir aus Versehen beinahe das falsche Grundstück planiert."

Alex: "Oh." [Pause] "Und was wird jetzt planiert?"

Er deutet auf das Grundstück nebenan. Wir sehen ein schmuckes kleines Häuschen mit Laube und Gartenzwergen. Bagger und Planierraupen walzen gerade durch den Vorgarten. Ein altes Ehepaar steht entsetzt daneben.

Alex: [achselzuckend] "Naja. Zumindest die Schmetterlinge sind gerettet..."

Mike: "Und? Was sagst du jetzt? Bist du überzeugt?"

Er hält ihr demonstrativ das Märchenbuch hin. Alex denkt kurz nach und schüttelt dann den Kopf.

Alex: "Ich werde der Sache jetzt auf den Grund gehen. Ich rufe den Autor des Artikels an..."


Die Szene wechselt zu Alex daheim beim Telefonieren.

Alex: [genervt] "Nein. Ihre Hausmeisterstelle an der parapsychologischen Universität von Paraquay gibt ihnen nicht das Recht..."

Sie hört kurz zu.

Alex: [genervt] "Nein. Ich will auch keine privaten Telefonnummern von Filmstars kaufen..."

Sie legt auf und macht kopfschüttelnd eine Notiz auf ein Blatt Papier.

Die Szene wechselt zum Kaufhaus. Alex beobachtet, wie der Angestellte noch immer gelangweilt die Tür aufhält, während der Mann mit dem Werkzeug das Scharnier festschraubt.

Angestellter: [sauer] "Es wird nach 2 Tagen auch Zeit, daß du das richtige Scharnier auftreibst..."

Er lässt die Glastür vorsichtig los. Diese fällt nach wenigen Sekunden nach innen und zerspringt auf dem Boden.

Mann mit Werkzeug: "Schnauze..."

Alex macht mit zufriedenem Gesicht eine Notiz.

Die Szene wechselt zu Alex vor dem Rathaus. Sie beobachtet, wie zwei identisch aussehende Putzfrauen im Blümchenkleid das Gebäude verlassen und zusammen weggehen. Sie macht eine weitere Notiz.

Die Szene wechselt zu Alex´ Zimmer, wo sie Mike offenbar gerade die Erklärung für all die kleinen "Rätsel" mitgeteilt hat.

Mike: "Zwillinge? Aber was ist mit deinem Gewinn von 1.000?"

Alex: [achselzuckend] "Lag in jedem Briefkasten. Stellte sich heraus, daß es 1.000 alte Pfennige waren - und man dafür 12 Heizdecken kaufen musste..."

Mike: [zunehmend unsicher] "Aber das Wunder am Tümpel? Du hast die Bagger einfach so mit der Hand aufgehalten..."

Rick kommt zur Tür herein. Er pfeift fröhlich "Hänschen Klein" vor sich hin.

Alex: "Da bin ich noch unsicher..."

Rick: [zu sich selbst] "Das wird diesem lausigen Computer eine Lehre sein." [lacht wirr] "Muahahaha..."

Alex dreht sich zu Rick um.

Alex: "Du hast den Computer im Rathaus kaputtgemacht?"

Rick: [kategorisch] "Nein. Das stimmt nicht..."

Wir sehen, daß er mit zwei rauchenden Platinen in der Hand dasteht (auf einer Platine sehen wir einen Prozessor mit der Aufschrift MOS 6510). Über seine Schulter hängen Kabel und Festplatten.

Er wirft den Schrott nach hinten weg.

Rick: "Wie auch immer. Ich habe meine Arbeitsbestätigung ausgedruckt bekommen. Für meine zukünftige Karriere..."

Er reicht Alex einen Zettel.

Alex: [liest] "Dieser nutzlose Wisch ist auf den Namen James Bond ausgestellt..."

Rick: [freudig] "Das war es mir wert..."

Alex sieht sich den Zettel genauer an.

Alex: "Das Datum ist falsch. Sogar die Hausnummer und Postleitzahl vom Rathaus sind falsch..."

Sie schüttelt amüsiert den Kopf.

Alex: "Weißt du, was das bedeutet?"

Wir sehen Rick im Hintergrund beim Dekorieren eines Weihnachtsbaumes.

Rick: "Was? Das heute doch nicht der 24. Dezember ist?"

Alex: "Du hast das Netzwerk im Rathaus irgendwie gestört. Deshalb stehen hier überall falsche Nummern. Deshalb kam vom Bauamt das Fax zur Rettung des Biotops..." [zu Mike] "Und deshalb ist auch hier keine Notwendigkeit für Zauberei..."

Rick: "Wieso bin immer ich Schuld? Wer weiß, wo solche Probleme herkommen..."

Er deutet mit einem Schraubenzieher herum, auf dem immer noch eine Computermaus aufgespießt ist.

Alex: "Sobald man anfängt, zu glauben, können sich all die kleinen Zufälle des täglichen Lebens derart summieren, daß aus einem vorsichtigen Glaube schnell eine einseitige Überzeugung werden kann..."

Mike will seinen persönlichen Glauben nicht so schnell aufgeben.

Mike: "Trotzdem. Da ist irgendwas. Ich sehe es an dir..."

Er denkt nach.

Mike: "Weißt du noch, als ich letzte Woche ein Pflaster brauchte. Du hattest eines. Oder als ich mich im Wald verlaufen hatte - du hast mich gleich wieder gefunden. Oder als uns Rick neulich alle aus Versehen im Mädchenklo eingesperrt hatte..."

Alex: [unterbricht] "Ich kenne die Geschichte. Worauf willst du hinaus?"

Mike: "Du bist immer da, wenn man dich braucht. Du hast immer die nötigen Dinge und Ideen dabei, die man braucht. So, als ob du dafür keine rationale Erklärung brauchst..."

Rick: "Ja. Wie an dem Tag, als man mir in der Schule Gelantine mit Waldmeister in die Schuhe gefüllt hatte." [Pause] "Du hattest einen Löffel für mich dabei..."

Mike: "Du hast etwas, was die meisten anderen Mädchen nicht haben..."

Rick: [fies] "Ja. Sie spricht mit dir..."

Alex: "Rick. Was haben wir über das Glashaus gesagt?"

Rick: "Hey. Ich hab die dämlichen Topfpflanzen nicht geklaut. Und die Sprinkleranlage war schon kaputt..."

Alex ignoriert den Kommentar und wendet sich nachdenklich Mike zu.

Alex: [zögerlich] "Vielleicht hast du recht. Vielleicht gibt es ja wirklich etwas, das über den Verstand hinausgeht. Eine Art intuitives Verständnis zwischen den Menschen - allen Menschen und Geschlechtern - und darüber hinaus."

Rick springt auf.

Rick: [theatralisch] "Ja. Es umgibt uns. Es durchdringt uns. Es hält die Galaxis zusammen..."

Alex: [fragend] "Gravitation?"

Rick: [winkt ab] "Meh. Mit dir Strebertante klappt sowas nicht..."


Die Szene wechselt nach draußen. Rick bindet sich gerade seine Turnschuhe zu.

Eine wütende Gruppe Leute kommt die Straße herauf und schwenkt die Fäuste.

Arbeiter 1: [deutet auf Rick] "Da ist er..."

Arbeiter 2: "Wegen ihm haben wir das falsche Grundstück planiert..."

Alter Mann: "Wegen ihm haben die mein kleines Häuschen planiert..."

Bürgermeister: "Wegen ihm steht der Tümpel jetzt unter Schutz und wir können nicht mehr planieren..."

Mann aus Rathaus: "Wegen ihm muß ich jetzt wieder am Infoschalter arbeiten..."

Rick sucht sein Heil nach kurzem Achselzucken in der Flucht - die ganze Meute läuft Schaufeln, Fäuste und lange Rechnungen schwenkend hinterher. Alex und Mike bleiben unbehelligt stehen.

Mike: "Also deshalb hast du ihm seine Laufschuhe mitgebracht..."

Alex: [amüsiert] "Auch dafür brauchte man keine übernatürlichen Kräfte..."

Sie streckt den Finger aus und ein bunter Schmetterling landet auf der Fingerspitze.

Mike: [freudig] "Das ist Zauberei."

Alex: [wir hören ihre Gedanken] "Nein. Zuckerwasser vom Teetrinken auf dem Finger..."

Alex: [stattdessen laut zu Mike] "Ja. Vielleicht hast du recht..."

Der Schmetterling fliegt wieder auf. Alex und Mike schlendern gemeinsam aus dem Bild. Als sie verschwunden sind, läuft Rick nochmal von links nach rechts durch das Bild, der wütende Mob immer noch hinterher.

Die Szene blendet aus. Über den End Credits spielt "It´s a Kind of Magic" von Queen.

Zum nächsten Skript "Xmas Partey"