Der Kontrakt des Cartoonzeichners

90. Der Kontrakt des Cartoonzeichners

Nachdem Trickserienmogul Alf Rudmann scheinbar bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen ist, wird ausgerechnet Rick vom örtlichen Fanmagazin darauf angesetzt, für den Nachruf herauszufinden, was dessen (ominöses) letztes Wort bedeuten soll. Zusammen mit Alex und Mike macht sich Rick also auf, alle möglichen Leute aus Rudmanns persönlichem Umfeld zu befragen: seine frühere Klassenlehrerin, den Nachlaßverwalter seines ehemaligen Mäzenen, Colonel Henchman und viele andere. Dies ist die Basis für eine Reihe von verschachtelten Rückblenden auf den Werdegang des Charakters.

Nach und nach zeichnet sich das Bild eines Mannes, der in seiner Jugend immer nur Menschen mit seinen Zeichnungen glücklich machen wollte, der im Laufe seines Lebens aber immer mehr zur "dunklen Seite" wechselte: Massenmarkt, Merchandise und last but not least die Weltbeherrschung. Und gerade als Rick glaubt, eine Antwort auf die Frage nach dem letzten Wort gefunden zu haben, tritt eine völlig unvorhergesehene Situation ein, die alles über den Haufen wirft und die Wahrheit des zuvor gehörten doch wieder in einem anderen Licht erscheinen läßt.

=> Parodie, Mediensatire


Die Folge beginnt mit der Außenansicht eines Privatjets, der hoch über dem Meer durch die Wolken dröhnt. Die Kamera fährt näher an den Jet heran und wir hören eine James-Bond-artige Musik.

Die Kamera zeigt uns die Innenansicht des Jets. Dort sehen wir Alf Rudmann, der in einem bequemen Sessel sitzt und in einer Tasse Tee rührt. Daneben sehen wir Colonel Henchman und einige Dunkelmänner in Anzügen. Auf Computerwänden und Bildschirmen sehen wir verschiedene Szenen: Cartoons, eine Oddville-Folge, ein Live-Bild, daß offenbar das Oval Office in Washington zeigt, das Bild eines Raketensilos, die Anzeige DEF-CON, verschiedene visuelle Gags mehr....

Die Kabinentür wird rabiat aufgestoßen und zwei Männer in schwarzen Anzügen mit dunklen Sonnenbrillen kommen herein. Ein Flugbegleiter versucht sie aufzuhalten, dieser wird jedoch mit einem Karatekick flach gelegt. Alf Rudmann blickt auf, als sich die beiden Agenten vor ihm aufbauen.

Rudmann: [verärgert] "Was soll die Störung? Sehen sie nicht, daß ich gerade versuche, meinen Tee abzukühlen?"

Agent 1: [zückt Ausweis, cool] "Internationale Anti-Plagiatur-Behörde. Wir haben ein ernstes Wörtchen mit Ihnen zu reden..."

Rudmann: [beruhigt] "Plagiatur...? Ach so..." [amüsiert] "Ich dachte schon, es geht um diese Plutonium-Sache..."

Colonel Henchman: "Keine Sorge, Chef. Da lief alles glatt. Unser Mann in Afghanistan übermittelt besten Dank..."

Rudmann: [nickt] "Sehr schön..." [zu Agenten] "Doch nun zu ihrem Anliegen, meine Freunde..."

Agent 2: "Wir handeln im Auftrag einen mächtigen Großkonzerns, der ungenannt bleiben möchte..." [drohend] "...dem man aber besser nicht in die Suppe spucken sollte, wenn man klug ist..."

Agent 1 öffnet seinen Aktenkoffer und zieht ein Blatt Papier heraus.

Agent 1: "Unser Auftraggeber hat ernste Bedenken im Bezug auf diese neue Trickfilmfigur aus ihrem Haus..."

Wir sehen das Blatt Papier. Darauf ist eine recht krude Skizze einer schwarzen Maus mit runden Ohren, die einem irgendwie bekannt vorkommen könnte. Obwohl es sich eindeutig um eine männliche Maus handelt, trägt sie Minirock, schwarze Lackstiefel, eine Peitsche und hat eine enorme (künstliche) Oberweite. Über dem Blatt steht in großen Druckbuchstaben der Name:

MILCHI MAUS

Agent 2: [drohend] "Sie sollten die Originalität dieser Figur dringend überdenken, Mr. Rudmann..."

Rudmann: [winkt ab] "Aber ich bitte sie..." [Pause] "Unsere Milchi dort ist so urdeutsch wie Lederhosen und Silikon-Implantate..."

Er pustet wieder in seinen immer noch rauchenden Tee.

Rudmann: "Der Tee ist immer noch zu warm. Und diese Herren lenken mich ab. Colonel..." [nickt Colonel Henchman zu].

In einer hastigen Szene ziehen plötzlich alle Umstehenden große Waffen und MPs. Jeder bedroht jeden in einer Tarantino-artigen Szene. Die Kamera fährt einmal im Kreis durch das Gewirr aus Waffen. Wir sehen Nahaufnahmen von angespannten Gesichtern. Dicke Schweißtropfen rinnen. Rudmann sitzt ruhig inmitten der Szene.

Agent 2: [grinst] "Netter Versuch. Aber wir sind immer noch zu zweit. Und einer von uns..."

Er hält abrupt inne. Die Kamera fährt zur Seite und wir sehen, daß sein Partner die Waffe nun ebenfalls auf ihn richtet.

Agent 2: [jammert] "Bob? Was zum...Wie konntest du nur? 3 Jahre Ausbildung, 8 Jahre Partner, 4 mal das Leben gerettet..."

Agent 1: [grinst] "Sorry, Boss..." [deutet auf Rudmann] "Aber meine Kinder lieben seine Cartoons..."

Rudmann zieht ein Papier aus einer Schublade.

Rudmann: "Da diese Sache ja nun geklärt ist, mein guter Freund, bitte ich sie um eine Unterschrift auf diesem Dokument..."

Agent 2: [finster] "Was ist das?"

Rudmann: [pustet in Tee] "Nur eine kleine Erklärung, daß die angebliche Originalfigur ihres Auftraggebers nichts weiter ist, als ein billiges Rip-Off unserer Milchi Maus..." [Pause] "Das wird nicht billig für diese Herren..."

Agent 2: [kategorisch] "Niemals..."

Alle Umstehenden laden demonstrativ ihre Waffen durch.

Agent 2: [fährt fort] "...würde ich eine so freundliche Bitte ablehnen..."

Er klopft sich den Anzug ab und stellt offenbar fest, daß er keinen Kugelschreiber bei sich hat.

Rudmann: [freundlich] "Hier. Nehmen sie meinen..." [grinsend] "Allein die Kappe ist echt Diamant..."

Er hält dem Agenten einen funkelnden Kugelschreiber hin. An der Spitze der Kappe funkelt ein Diamant.

Agent 2: [freundlich] "Gut zu wissen..."

Er setzt an, als ob er unterschreiben möchte. Die Umstehenden senken ihre Waffen ein Stück. Anstatt zu schreiben, holt er jedoch weit aus und wirft den Kugelschreiber mit der diamantenen Kappe voran in Richtung Außenfenster.

Wir sehen eine Zeitlupenaufnahme des rotierenden Kugelschreibers, der durch die Luft gleitet. Die Umstehenden lassen alle ihre Waffen fallen und stolpern dem Kugelschreiber hinterher, knallen jedoch gegeneinander oder gegen Wände. Der Kugelschreiber erreicht die Glasscheibe und bleibt dort mit einem knirschenden Geräusch mit der Diamantspitze stecken.

Für einen Moment ist alles ruhig, wir hören einen Herzschlag im Hintergrund. Dann birst die Scheibe sogartig nach außen.

Rudmann: [unbeeindruckt] "Das sollte meinen Tee abkühlen..."

Der Sog des Unterdrucks reißt ihm zuerst die Tasse aus der Hand, dann fliegt er hinterher. Mit einem schlürfenden Geräusch verschwindet Alf Rudmann durch das Kabinenfenster nach außen.

Die Szene wechselt zur Außenansicht des Flugzeugs. Rudmann trudelt nach unten und verschwindet schließlich als schwarzer Punkt in der Wolkendecke. Kurz bevor er verschwindet, hören wir ihn laut rufen...

Rudmann: [ruft laut] "Pflaumenpuuuuuuuuudding..."

Die Szene hält ruckartig an. Störstreifen sind im Bild zu sehen. Die Kamera fährt zurück und offenbart, daß wir diese Szenen auf einem Videobildschirm verfolgt haben und das Band nun angehalten wurde.

Wir sehen einen halbdunklen Raum, Gestalten sind nur als Schemen und Silhouetten erkennbar. Zigarettenrauch wabert. Licht strömt in Linien durch heruntergelassene Jalousien. Eine der Personen ist eindeutig Rick, wie wir an der Stimme hören werden.

Redakteur: "Und hier haben wir erneut die letzten Minuten im Leben unseres Idols Alf Rudmann gesehen..."

Rick: [fragend] "Woher haben wir nochmal diese Filmaufnahmen?"

Redakteur: [ignoriert Rick] "Nun ist es an der Zeit, Leute, daß wir einen Nachruf auf ihn schreiben, wie er unserem Fanmagazin und seiner Auflage von 150 Exemplaren würdig ist..."

Schreiber 1: "Aber die anderen 26 Fanmagazine haben alle schon Nachrufe geschrieben..."

Redakteur: [abschätzig] "Bah. Anfänger. Aber wir sind das ULTIMATIVE Fanmagazin. Wir müssen besser sein..."

Er deutet auf das flackernde Videobild, auf dem noch immer die Wolken zu sehen sind, in denen Rudmann verschwunden war.

Redakteur: "Ich meine...seht euch diesen Film an. Hier haben wir Alf Rudmann. Das Idol von Millionen. Besitzer von weltweit vier Trickfilmstudios. Erfinder und Mitautor von sieben der beliebtesten Cartoonserien der Welt. Merchandise-Mogul. Popkultur-Titan. Musik-Produzent. Stammgast auf der Wetten-dass-Couch..." [nachdenklich] "Und dennoch...seine letzten Worte auf dieser Welt sind ausgerechnet Pflaumenpudding. Warum?"

Rick: "Moment. Der Film endet zu früh. Wir kennen seine letzten Worte also vielleicht gar nicht. Die könnten doch genauso gut gewesen sein:..." [schreit und rudert mit Armen] "Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhh...*Platsch*..."

Redakteur: [ignoriert Rick] "Wir müssen herausfinden, was er uns damit sagen wollte..." [deutet auf Rick] "Rick. Du bist mein bester Mann. Sprich mit allen, die ihn kannten. Alle, die ihn geliebt haben. Alle, die ihn gehasst haben. Alle, denen er noch Geld schuldete. Wir müssen für unseren allerbesten Nachruf klären: was bedeutet Pflaumenpudding...?"

Rick: [nörgelt] "Warum ich? Bei unserem letzten Treffen hatte ich etwas den Eindruck, der gute Alf mag mich gar nicht..."

Redakteur: "Ausgezeichnet. Antipathie ist der beste Garant für Objektivität..."

Rick: "So wie bei Michael Moore?"

Es herrscht kurz Schweigen in der Runde, dann bricht einer der Schreiber die Stille.

Schreiber 2: "Vielleicht bedeutet das Wort etwas, das er immer haben wollte. Oder etwas, daß er verloren hat..."

Rick: [amüsiert] "Sicher. Ich verliere auch ständig meinen Pflaumenpudding..."

Redakteur: [energisch] "Also los. An die Arbeit. Wir brauchen die Antwort. Pudding. Pflaumen. Pflaumenpudding..."

Die Konferenz löst sich auf, die Jalousien werden geöffnet und Licht strömt herein.

Rick: [zu Kollegen] "Also einen Effekt hatte diese Konferenz..." [Pause] "Jetzt habe ich Hunger auf Süßspeisen..."

[Rick holt Alex und Mike zu Hilfe bei den anstehenden Interviews]
 
 
 

Mike: [grübelnd] "Was kann man denn überhaupt mit Pflaumenpudding anfangen?"

Rick: "Also mir fallen auf Anhieb fünf Dinge ein..." [Pause] "Vier davon sind nicht jugendfrei und eins hat mit Essen zu tun..."
 
 
 

[Szenenmontage, in denen Alf Rudmanns zuerst chaotischer, schmaler Schreibtisch immer breiter, aufgeräumter und steriler wird. Durch den wachsenden Schreibtisch werden die Zeichner und Freunde um ihn herum immer mehr nach hinten gedrängt. In der letzten Ansicht sitzt er allein in einem riesigen Büro. In weitem Abstand stehend zwei bewaffnete Wachen in roten Uniformen.]
 

[Rick, Alex und Mike sprechen mit]

[Rudmanns ehemaliger Klassenlehrerin]

[Colonel Henchman]

[dem Anti-Plagiatur-Agenten aus der Vorgeschichte]

[seinem ehemaligen (ersten) Ausbilder zum Zeichner, einem Straßenzeichner/Penner]

[dem Nachlaßverwalter seines zweiten Ausbilders, eines 70er-Jahre-Cartoonproduzenten/Superschurken]
 
 

Jung Rudmann: "Meister - kann ich lernen, wie man als Trickfilmzeichner unsterblich erfolgreich wird...?"

Alter Mann: [düster] "Nicht von einem Straßenzeichner..."
 
 
 

[Schluß, Alf Rudmann ist lebend wieder aufgetaucht, alles war nur ein Werbegag für die neue Serie]
 

Mike deutet auf den Notizblock mit den Notizen aus den vorhergehenden Gesprächen.

Mike: [erstaunt] "Aber was ist mit all den Geschichten und Wahrheiten, die wir gehört haben?

Rudmann: [nachdenklich] "Geschichten und Wahrheiten?" [amüsiert] "Was bedeutet das schon in unserem Beruf..."
 
 

Rick: [verärgert] "Welche neue Trickserie könnte diese infame Veräppelung aller treuen Fans rechtfertigen...?"

Alf Rudmann drückt lächelnd auf eine Fernbedienung und eine große Videowand öffnet sich. Mit lauter Hip-Hop-Musik beginnt die Präsentation der beworbenen Trickserie zu laufen. Wir lesen die Titelschrift:

MC PFLAUMENPUDDING & DA HOMIES

Während uns der Sprecher die Handlung erläutert, sehen wir begleitende Szenen:

Sprecher: [hip] "Versäumen sie nicht unsere neue Trickserie..." [Pause] "Erleben sie mit, wie ein East-Coast-Rapper von einer Bande West-Coast-Homies umgenietet wird." [Pause] "Er hat jedoch Glück: auf dem Weg in da Hip-Hop-Paradise landet sein Geist per Zufall im frisch gebackenen Pflaumenpudding einer schwäbischen Großfamilie..." [Pause] "Sehen sie. Lachen sie..."

Die Szene wechselt zur Ansicht eines gutbürgerlichen deutschen Wohnzimmers im 60er-Jahre-Stil. Ein Vater liest Zeitung, der Sohn kommt gerade die Treppe hinunter und sieht sich suchend um.

Sohn: [fragend] "Ei Baba. Hascht du den Budding gsehn?"

Vater: [deutet] "Ei ja. Der schteht drauße aufm Auto...zum Abkühle..."

Die Szene blendet nach draußen. Wir sehen einen alten Ford Taunus. Darauf steht ein Pudding mit Augen und Mund aus Pflaumen. Um die Blechschüssel des Puddings hängen dicke Goldkettchen. Zwei alte Frauen gehen vorbei.

Pudding: [laut] "Hey. Yo. Bitchez. Wanna ride in ma Pimp Mobile...?"

Die Frauen rennen schreiend weg.

Sprecher: "Versäumen sie nicht die Pilotfolge von..." [laut] "MC PFLAUMENPUDDING & DA HOMIES...radikal und exklusiv auf diesem Sender von Rudmann Animation Factory..."

Blende zurück zur Präsentation in Alf Rudmanns Wohnzimmer.

Rick: [amüsiert] "Heh Heh Heh. Ich nehme alles zurück. Absolut genial. Diese Serie rechtfertigt jede Werbeaktion..."

Rudmann: [freundlich] "Sehr schön. Und nun, meine Freunde, lade ich euch alle zu einem Sektfrühstück zur Feier des Serienstartes ein. Colonel Henchman und seine treuen Männer haben das Buffet in der Lobby aufgebaut..."

Die Menge zieht fröhlich von dannen, einschließlich Rick. Einzelne Wortfetzen sind zu hören, in denen es darun geht, was Alf Rudmann für ein netter Mensch und brillanter Werbestratege ist. Nur Alex bleibt nachdenklich stehen.

Alex: [laut, eindringlich] "Moment mal. Haben wir aus den Geschichten, die uns die Leute erzählt haben, denn gar nichts gelernt? Haben Sie uns nicht das Bild eines Mannes gezeigt, der alle seine Ideale verraten und der alle seine Werte verloren hat?" [Pause] "Das Bild eines Mannes, dessen globale und finanzielle Ziele am Ende genauso sinister waren, wie all das, was er früher einmal zu verbessern suchte?" [traurig] "Die uralte Geschichte über den Verlust der Unschuld im Angesicht der Macht...?"

Die fröhliche, plaudernde Menge ist im Treppenhaus verschwunden. Jemand schaltet das Licht aus. Alex steht im Halbdunkel.

Alex: [leise] "Okay. Es ist eure Wahl..."

Sie greift in die Hosentasche und zieht erstaunt ein raschelndes Papier heraus. Es ist das Dokument, daß ihr der Agent gegeben hatte. Es bestätigt, daß alle anderen bekannten Trickfilm-Mäuse nur kostenpflichtige Plagiate von MILCHI MAUS sind - womit es sicher einiges für Rudmanns Firmen Wert wäre.

Alex: [fies grinsend] "Das hier ist meine..."

Sie knüllt das Dokument zusammen und wirft es in den großen Kamin im Wohnzimmer. Dann geht sie pfeifend aus dem Bild.

Die Kamera zeigt uns, wie die Flammen das Papier aufzehren und das Wort MILCHI langsam zu Asche zerfällt. Mit düsterer Musik blendet die Kamera nach draußen. Unten feiern Rudmann, Rick & Co die Premiere der neuen Trickserie, oben steigt schwarzer Rauch aus dem Kamin.

Die Szene blendet aus.

ENDE